Münchner Luft

Das Wesen einer Stadt spiegelt sich im Witz ihrer Menschen: Es war 1981, als ich auf meinem Fahrrad den Berg am Maximilianäum hinunterrollte und mein damals etwas üppiger Kinnbart "spielte" im Wind. Dies veranlasste den Lenker des Kleinbusses der Malerfirma "Bergmeier" neben mir zu bremsen, das Fenster herunter zu drehen und mich anzusprechen mit den Worten: "Hey Du, … seit wann kennan denn Goaßböck Radl fahr’n?"

Jeder kann sein Leben einrichten wie er will, kann sich überlegen ob er hip oder hop, top oder flop, - oder was auch immer sein will. Vieles kann er sich aussuchen heutzutage, nur eines nicht, die Luft, die ihn umgibt.

Die Luft einer Stadt, das ist ihr Flair, ihr Wesen, das ist das, was da ist bevor man kommt, das, was man aufsaugt, zwangsläufig, egal wo man herkommt, egal was man meint ablehnen zu müssen oder was man sich einbildet zu sein. Und dies gilt heute genauso, wie vor 100 Jahren.

Vor 100 Jahren war man vielleicht nicht hip oder hop in München, top oder flop war man allemal. Es gab etwa 2500 Gasthäuser, davon mehr als 2000 mit Live-Musik, und die waren voll, allabendlich. Jeder zweite war jünger als 30 Jahre; in der Stadt pulsierte die Lust am Vergnügen und die Luft vibrierte im "New Beat of a New Generation". Dieser wurde hochgehalten von annähernd 800 professionellen Unterhaltungskünstlern, Sängern, Komikern oder Witze Erzählern. Sie gaben der Stadt ihr unverwechselbares Charisma zurück, verpackt in Geschichten, Szenen und Lieder: Brettlunterhaltung, gewürzt mit der "ganz besonderen Luft", die uns in München bis heute am Leben erhält.

Und weil wir uns immer da am besten unterhalten, wo wir selber vorkommen, und weil nichts lustiger ist als ein Witz über den Nachbarn, und weil immer jeder Nachbar ist, so zeichnet sich in den Szenen und Couplets eines Papa Geis oder August Junker, eines Karl Valentin, Hans Blädel oder Weiß Ferdl Strich für Strich das Bild eines Menschenschlags, der trotz geistiger Beschränktheit immer schlau ist, für den Nörgeln Haltung bedeutet, weil er nur so sein Dasein erträgt, der stets die Parole ausgibt ein Leben zu führen, wie es "hier bei uns seit jeher gewesen sei", um dann unter dem Mantel einer vermeintlichen Tradition, doch niemals den Puls der Zeit aus den Augen zu verlieren, für den die Not des "Spezi" mehr zählt als jedes Gesetz und für den der Hang zum Absurden Nahrung bedeutet, weil er trotz allem Realitätssinn stets nebenbei ein Leben im Konjunktiv formuliert.

Münchner Luft, das ist ein Zustand voller "hinterfotziger" Gemütlichkeit und Anarchie, voller Wut und grenzenloser Liebe zu dieser Stadt; - und: Münchner Luft kann man sich anhören auf den CDs der Reihe "Rare Schellacks", erschienen im Trikont Verlag.

herausgegeben von Andreas Koll

München - Bayern
Szenen und Vorträge 1902 -1939 / TRIKONT US-0263

Der humoristische Vortrag war die Paradedisziplin der damaligen Volksängerunterhaltung. Titel wie August Junkers "Beim Hundemetzger", Karl Valentins "Aquarium", oder Hans Blädels "Auf der Isartalbahn" lösten wahre Begeisterungsstürme aus. Dazwischen Intrumentalmusik von Hans Blädels Bauernjazzband, vom Holz- und Strohorchester, oder der Original Dachauer Bauernkapelle vom Platzl. Eine weitere Kollektion Alt-Münchner Unterhaltungsstars, die der ersten in nichts nachsteht.

München - Bayern
Lieder und Couplets 1901 -1939 /
TRIKONT US-0262

Eine Sammlung mit den Stars von damals: Papa Geis, August Junker, Hans Blädel, Karl Valentin, Weiß Ferdl, … Hier lebt die sagenhafte Atmosphäre jener Vorstadtbühnen wieder auf, mit all ihrer Leidenschaft, Wut, Derbheit, Aufsässigkeit und ungeschminkter Lebensfreude. Besondere Freude bereiteten mir hierbei die Aufnahmen des Gesangsterzetts "Die Weißblaue Drehorgel" mit ihrem hitverdächtigen Refrain: "Do da da ma a stinka", - sowie die fantastische Jodlerin Minna Reverelli.

August Junker & Alois Hönle
Die Stimmen der Vorstadt /

August Junker und Alois Hönle waren um 1900 zwei absolute Stars, das Beste was München damals zu bieten hatte. Sie betrieben ein eigenes Theater, das Apollotheater in der Dachauerstraße, in dem sie all abendlich die Münchner Tränen lachen ließen. Sie sind die Erfinder der legendären Gestalten "Kare" und "Lucki": Nichtstuer, Steinträger, arbeitsscheu, der Halbwelt zugetan, Geschäftemacher und Lebenskünstler. Ihre Sprache ist derb, ihre Sitten sind rau, wie das Leben in der Vorstadt. Ein Geheimtipp!

Hans Blädel
dann lachen’s an Augenblick mit / TRIKONT US - 0283

Hans Blädel war in der Zeit von 1901 bis 1931 einer der bekanntesten Unterhaltungskünstler Deutschlands. Er hat über 800 verschiedene Schellackaufnahmen gemacht. Überall wo er mit seiner Klarinette hinkam hatte er Erfolg und wurde gepriesen als Münchner Original, als "Urviech" oder als Stimmungskanone. Seine Bühnen waren die Musik-Halls und Varietees des Kaiserreichs und der frühen Republik, seine Berufsbezeichnung: "Instrumentalhumorist". Volkstümliche Unterhaltung im besten Sinne.

Weiß Ferdl
I waoß net wia ma is / TRIKONT US -0284

Weiß Ferdl ist Vollbluthumorist. Sein Humor spiegelt die öffentliche Meinung seiner Zeit und zeigt Haltungen und Ansichten der Leute, die er nebeneinander stellt. Jeden kann er so zu Wort kommen lassen, alles süffisant kommentieren. Sein Thema: Schimpfen über menschliche Unzulänglichkeiten. Das Motto: Der Mensch ist gut, aber die Leut’ sind a G’sindl. Seine Kunst ist die Andeutung. Ohne sich je selbst festzulegen wird er zu einer gewichtigen Stimme im öffentlichen Diskurs, zum Sprachrohr des "Kleinen Mannes". Legenden ranken sich um diese Person, manches ist wahr, vieles erfunden. Die umfassendste Publikation, die es zu Weiß Ferdl gibt.

TRIKONT